Mittwoch, 29. Mai 2013

Der Argentinientag

Als ich in Retiro in den colectivo Nummer 100 steige, frage ich: Fahren Sie über die Av. de Mayo?" Verzweifelt sieht mich der Busfahrer an: "Es ist alles gesperrt!" Ich gehe davon aus, dass der Mann es schaffen wird da in der Nähe vorbei zu fahren und steige ein. Eine Weile holpern wir über die Straßen von Buenos Aires. Der Bus ist voll, aber nicht überfüllt. An einer Ampel fängt unser Busfahrer sich an mit einem Busfahrer aus einem Bus neben uns -ebenfalls Nummer 100- zu unterhalten: -"Che, sag mal, wo fahren wir denn jetzt längs?"  -"Weiß nicht, ist alles gesperrt, so wie wir her gefahren sind?" -"Ja, ja, irgendwie bleibt uns ja nicht anderes übrig." Wir holpern weiter. Heute ist der Nationalfeiertag Argentiniens - der 25. Mai. Da sind die Straßen um die Plaza de Mayo alle gesperrt. Auf der Plaza ist ordentlich was los. 
Eine ältere Frau fragt vorsichtig, ob man dann nach Constitución fahren würde. Ja, ja, da käme man schon irgendwie hin. "por lo menos, vamos pasear" Wenigstens machen wir einen kleinen Ausflug.
Als ich den Obelisken durch die Häuserschluchten erblicke, steige ich aus. Und laufe zu Fuß zur Plaza. Ich erreiche sie von der Seite der Casa Rosada aus. Eine riesige Menschenmenge. Dutzende von Cámporaflaggen werden hochgehalten. Viele Emotionen. Begeisterungsstürme als Cristina auftritt. Sie beginnt ihre Rede. Spricht von der Transformación, der Verwandlung, des Landes. Und in meinem Magen macht sich ein ungemütliches Gefühl breit. Das wirkt alles wie im falschen Film.

wenige cuadras von der Plaza de Mayo entfernt: der Obellisk am 25. Mai 2013

Sonntag, 19. Mai 2013

Vor der Haustür

Ein Mittwochabend gehe ich so um halb Neun noch einmal auf die Straße: Wir haben Lust auf Schokolade und Colalight. Schnell gehe ich also zum Chino, dem kleinen Supermarkt um die Ecke und besorge die Fressware für einen gemütlichen Herbstabend in der Wohnung. 6 Grad sind es an diesem Tag. Als ich mit den Einkaufstüten zurückkomme, starre ich überrascht auf zwei Jungs vor unserer Haustür auf der Straße. Sie beladen gerade einen Wagen mit Pappe, Karton und Papier. Gustavo* und Vevo*, zwei Jugendliche aus La Paloma. Alle drei sind wir etwas überrascht, uns hier zu treffen. Kurze Begrüßung, beso auf die Wange. Dann gehe ich in die Wohnung hinauf. 
Am nächsten Tag erzähle ich Gise und Eve davon. "Ach wirklich ja?", sagen sie. "Denen ist das unangenehm, wenn man sie dabei so sieht."  "Tja, mir auch", sage ich. Wenn mir vor Augen geführt wird, dass die Jugendlichen aus meinem Projekt ein paar Pesos für die Familie verdienen, indem sie das Altpapier der deutschen Freiwilligen verkaufen, füge ich im Gedanken hinzu. Aber sie hören mir nicht mehr richtig zu. Das Gesprächsthema hat gewechselt.   


Dieses hier ist eine kleine Dokumentation über die Arbeit der Cartoneros in Buenos Aires.

* die Namen mit Sternchen habe ich geändert...

Freitag, 3. Mai 2013

Regentag

gemütlich im salón währenddessen es draußen in Strömen regnet
Es regnet. Das bedeutet für den Zustand von unbefestigten Straßen: matschig bis überschwemmt. Und das bedeutet für die chic@s, mit denen wir arbeiten: Sie gehen lieber nicht auf die Straße. Das Wasser läuft ja schon fast ins Haus hinein und angemessene Kleidung - vor allem Schuhwerk - ist sowieso nicht vorhanden. Und die colectivos fahren auch nicht richtig, weil die Straßen zum Teil überschwemmt sind. Wir gehen nicht zur Arbeit, nicht zu Schule, nicht nach La Paloma. Heute sind von den ca. sonst 25 Kindern nur 5 da. Alle kommen sie durchnässt an. Wir machen es uns gemütlich, schauen uns einen Film an und trinken am Ende noch eine heiße Milch. Ich bleibe heute noch 2 Stunden länger und mache mit den Jugendlichen Macramé in deren Salón. Dabei trinken wir Mate und mate cocido mit Milch. Wir hören Musik und Katy ist mit meiner Kamera unterwegs. Carlitos ahmt das Lachen ihrer älteren Schwester Brenda nach. "Hihihihihi". Bis wir alle lachen müssen. Wir sprechen über die neue Frisur von Apu. Um halb acht schließlich machen wir uns alle auf den Heimweg. Vorher stehen wir in der warmen Küche und scherzen herum, essen Birnen und Kekse. Keiner hat wirklich Lust vor die Tür zu gehen. Es ist nass, dunkel und kalt.